Wo waren Sie, als es galt, Hans Meiser zu verhindern?

Um die Fertigstellung meines neuen Buches nicht allzu sehr durch sachfremde Themen auszubremsen, stelle ich jetzt einfach mal ein paar unverbunden vor sich hin funkelnde Notizen zu besagtem Werk hier hin, auf dass es dann infolge dieser Maßnahme vielleicht irgendwann in den nächsten Wochen auch mal tatsächlich erscheinen möge.


Die Sonne scheint aufs Vollkornbrot

Ich glaube, ich bin eigentlich nicht sonderlich konservativ. Konservieren heißt, das Bestehende bewahren, und wenn das Bestehende schlecht ist, dann will ich das ganz sicher nicht bewahren.
Wenn jemand als Minimalziel, sagen wir, die Zustände der Bonner Republik wiederherstellen will, dann ist er schon kein Konservativer mehr, sondern ein Restaurateur, nicht wahr?
Und wenn er etwas Vergangenes wiederherstellen will und gleichzeitig etwas erneuern will und dazu dann auch noch etwas ganz Neues will, wenn er also restaurieren, renovieren und reformieren, vielleicht gar revolutionieren will, also alles außer konservieren, dann kann man ihn wohl kaum einen Konservativen nennen. Und das alles hilft auch überhaupt nicht, um ihn irgendwie als Rechten von den Linken abzugrenzen, denn die wollen all das ja auch.

Solche Begriffe wie konservativ, progressiv, restaurativ, revolutionär beschreiben lediglich den dynamischen Aspekt einer Weltanschauung und eines Weltgefühls, sie umschreiben die Beweglichkeit, die Richtung des Strebens, die Tendenz des Temperaments, den Drive, die Verve, die Vehemenz. Sie sagen wenig über das Weltideal, den Inhalt des Strebens, die Werte und Ziele des Strebenden aus.

Wissen Sie … ich frage mich immer, wie wohl die Welt aussähe – nein, nicht die „Welt“, sondern der Alltag – wie also der ganz banale Alltag aussähe, wenn die Linken sich dereinst oder in nächster Zukunft mit allem, was sie jetzt so wollen, vollständig durchgesetzt hätten. Also jetzt nicht so, dass eine linke Regierung über ein verführtes oder untertäniges, aber im Innersten widerständiges Volk herrschte, sondern so, dass alle wirklich einverstanden sind und von Herzen all das wollen, was derzeit die links-grün-mittig Verwirrten wollen. Und zudem natürlich vorausgesetzt, dass das alles sogar so klappt, wie die sich das erträumen: dass also der Strom aus den Windkraftanlagen immer fließt, die Islamisten sich freudig integrieren, alle Menschen gendergerecht sprechen und denken, jeder irgendwas studiert hat und auch die letzte Randgruppe per Quote und Mahnmal in der Gesellschaft sichtbar wird.

Was dann? Was wäre dann verwirklicht? Also im Ernst: Was würden die Leute dann den ganzen Tag machen, worin bestünde dann der Sinn des Lebens, welche Möglichkeiten hätten sich dann eröffnet, was genau ist der höhere Wert, der sich nun endlich realisieren, vom Erträumten ins Faktische transponieren ließe?

Ich glaube, ich ahne, ich wähne: Die Ideale von Annalena Baerbock und Konsorten gehen über die Windräder und das Studium für alle und die massenhafte Anwesenheit orientalischer und afrikanischer Menschen gar nicht hinaus.
Und ich fürchte, ihre „höheren“ Ideale sind bloß banale Bilder aus Frühstücksflocken- und Smartphone-Werbespots: Posen von Familiarität, Klischees von Buntheit, Stereotype von softem Modernismus. Farbenfrohsinn, Umhängetaschen, E-Autos. Man sitzt mit den Kindern am Tisch, die Sonne scheint aufs Vollkornbrot, alle lachen, man geht mit einem Kaffeebecher in der Hand zur Arbeit, in Zeitlupe durch urbane Umwelten, die Leute sehen einander an, dass sie Aufgaben haben, man lacht ins Telefon, man ist vernetzt und gefragt, man ist Teil einer achtsamen, lässigen, toleranten, konkurrenzlosen, moderat genussfreudigen Welt.
In der fairen, respektvollen Beziehung und der dekorativ lächelnden Tugend erschöpft sich der Horizont des linksgrün verwirklichten Lebens. Saubere, sanfte Sharing Economy, durch Berlin stylen und Projekte besprechen, irgendwas mit Medien und verantwortungsvollem Konsum und Die-Welt-Besser-Machen.

Diese Leute haben, so scheint mir – und das sage ich ganz unpolemisch – keine wirklichen Ziele. Nicht einmal Wünsche. Man hört von ihnen tatsächlich oft solche Weihnachtswünsche wie „mit der Familie Zeit verbringen“. Was soll denn das für ein Wunsch sein? „Zeit verbringen“ – was konkret macht man denn da? Sich anglotzen, zusammen fernsehen, übers Wetter reden? Ich sag Ihnen, was die machen: einer nach dem andern zückt irgendwann sein Smartphone hervor, und dann zeigen sie sich irgendwelche Videos, wo schlafende Katzen vom Fernseher runterplumpsen und so was.

Passen Sie auf, werden Sie wach, jetzt kommt der vielleicht wahrste Satz, den ich je ausgesprochen habe: Die verwirklichte linke Welt ist eine inhaltsleere Hölle. Ein Ort ewigen Gähnens. Öde, Werbeästhetik, Stumpfsinn, blasses, laues, hohles Glück. Trivial pursuit of hollow happiness.
Die Linken sind langweilige, phantasielose, freudlose, mit einem Wort: gänzlich unpoetische Sozialingenieure, die den Menschen weit unter Wert handeln. Der Linke hat weder Talent zur Realität noch zum Wunder.


Mitte gildet nicht

Sie gestatten, dass ich einmal kurz den Zusammenhang der Pessimismus-/Optimismus-Unterscheidung mit der Rechts-/Links-Dichotomie beleuchte. Denn dieser Zusammenhang wird ja ständig hervorgezerrt, sobald man sich beispielsweise mal ein wenig über die gute alte Dekadenz beschwert, über die Entartungen der Zeit, den allgemeinen Sittenverfall, die Verkorkstheit der Jugend und den Untergang des Abendlandes.

Es sind dann in der Regel „Rechte“, die so reden. Griesgrämige alte Männer, Jäger, Lateinlehrer, patriarchalische Fabrikanten, in deren Mundwinkeln sich beim Mosern und Maulen zäher, weißer Seim sammelt. Interessanterweise sehe ich aber immer öfter auch hübsche, junge Frauen, die nach Altherrenart das Ende ihrer europäischen Lebenswelt beklagen, feengleiche Models mit Hochschulabschluss, die ganz ohne Seim und Geifer zu mosern und zu maulen wissen. Und die tragen keine Uniformen, sondern den hottesten Designerkram mit allen Öko-Urban-Kosher-Future-Berlin-Vegan-Siegeln, die Sie sich vorstellen können. Echt verwirrend.

Aber wie dem auch sei … diese Rechts-Links-Sache treibt die Menschen in letzter Zeit ziemlich um, wie ich feststelle. Das ist in unruhigen Zeiten wie den unsrigen wohl auch kein Wunder. Der Mensch, dem seine soziale und kulturelle Lebenswelt, die Ordnung des Gemeinwesens, die Zukunft seiner Heimat nicht völlig egal sind, erwacht heute zwangsläufig zur Politik und verspürt dabei die Notwendigkeit, mitunter auch eine gewisse Lust, sich politisch zu verorten. Das ist ziemlich schwierig, und das obwohl – oder vielleicht gerade weil – es nach wie vor eigentlich nur diese zwei grundsätzlichen Positionen gibt: rechts und links.

Es wird gern gesagt, dass diese grobe Einteilung nichtssagend und obsolet sei, aber das ist sie meiner Auffassung nach keineswegs. Ich glaube, der Mensch sollte sich früher oder später entscheiden, und eine Entscheidung wird dann am klarsten sein, wenn sie zwischen zwei Alternativen getroffen wird. Dass man sich dann auch noch genauer verorten kann, differenzieren kann, wie weit man gegebenenfalls rechts oder links ist (eventuell auch wie hoch), ist eine sekundäre Angelegenheit.

Was ist mit „Mitte“? Ich sag’s Ihnen: Mitte gibt’s nicht. Mitte gildet nicht. Mitte ist wie Bier und Wein zusammengemixt. Und zwar alkoholfreies Bier mit alkoholfreiem Wein.
Im Ernst: Jeder Psychologe weiß, man darf Probanden keine 7er-Skala anbieten, dann wählen Sie immer die 4, also die Mitte, also die Unentschiedenheit. Man nehme also eine 6er- oder 8er- oder von mir aus eine 24er-Skala. Wer bei der Auswertung bei 12 landet, ist ein Linker, wer bei 13 landet, ist ein Rechter. Die Frage ist halt: Welche Fragen stellt man, und wie operationalisiert man „rechts“ und „links“?

Aktuell machen viele Menschen die Erfahrung, dass der politische Boden unter ihren Füßen wankt, dass sich Koordinaten verschieben, dass Attribute, Zuschreibungen, Kriterien ihre Bedeutungen ändern oder ganz verlieren. Es wimmelt von Leuten, die sich ihr Leben lang für irgendwie links hielten und nun feststellen, dass viele andere Leute sie für rechts halten. Und dass gleichzeitig diese neuen tyrannischen Linken immer mehr dem Typus ähneln, den sie früher tendenziell für rechts hielten. Menschen, die sich jahrzehntelang der SPD oder den Grünen nahefühlten, sehen sich heute als Faschos bezeichnet, wenn sie ein paar unbequeme Gedanken zulassen. Gleichzeitig werden antifaschistische Kräfte von denen, die als neue Nazis gebrandmarkt werden, als verkappte Neofaschisten betitelt. Hm … wenn die einen wirklich Nazis wären und die anderen wirklich Faschisten, müssten die ja eigentlich ganz gut miteinander klarkommen. Sie sind aber Todfeinde, und das ist in der heutigen Zeit, wo Schlägertrupps politisch Andersdenkende ins Koma prügeln und Mörder der jeweils gegnerischen Seite Hausbesuche abstatten, keine rhetorische Übertreibung mehr.

Mir scheint, die meisten Leute können im heutigen Strudel hysterischer Empfindlichkeiten und überschwänglichen Diskreditierungsgekeifs nicht mehr erkennen, ob sie rechts oder links sind. Ich glaube aber, jeder ist eines von beiden, ob er’s weiß oder nicht, und jeder sollte sich darüber klarwerden, wo er steht. Und dann auch dazu stehen, wo er steht.


Das Gefälle zwischen dem Sein und dem Sollen

Ein Problem aller politischen Diskussion scheint mir zu sein, dass man sich vorwiegend auf der Ebene der Weltanschauung begegnet. Zuweilen begibt man sich auch noch in die Sphäre der Ideale, aber höchst selten bis gar nicht auf den großen unebenen und rutschigen oder sandigen oder von Dornengestrüpp überwucherten Kampfplatz der politischen Gefühle.

In der rechten Weltanschauung etwa ist „die Welt“ nicht identisch mit dem Planeten oder mit der Summe der Staaten auf diesem Globus, erst recht nicht mit den Vereinten Nationen oder sonstigen globalistischen Projekten. Der Rechte schaut die Welt an, er schaut sie sogar gerne an, aber sein politisches Wollen und Handeln richtet sich primär auf das eigene Land und auf den Kulturraum, aus dem es erwachsen und in den es eingepasst ist. Er nimmt zur Kenntnis, dass es die verschiedensten Völker in allen Gegenden der Erde gibt und dass sie ihre berechtigten Interessen haben, aber er fühlt sich nicht zuständig für ihr Wohl und Wehe. Was nicht heißt, dass er sich nicht solidarisch und hilfsbereit zeigen würde, wenn es nottäte.

Die linke Position will darin heute Nationalismus und Abschottung sehen, sie fühlt sich durchaus in der Pflicht, allen Menschen rund um den Globus das gleiche Quantum politischer und moralischer Energie zu widmen, ob sie nun zufällig zur eigenen Nation gehören oder zu irgendeiner Bevölkerung eines zufällig in Mittelasien oder Südamerika angesiedelten Gemeinwesens. Die Linken lehnen es ab, sich mit den Zufällen abzufinden, die diesen Menschen in ein reiches, klimatisch begünstigtes, westliches Land haben geboren werden lassen und jenen in ein armes, archaisches, traditionell korruptes, voraufgeklärtes Drittweltland. Das finden sie ungerecht, und deshalb wollen sie es ändern. Sie gehen also davon aus, dass das Gerechtigkeitsempfinden eine handlungsleitende Funktion in der Menschheitsgeschichte haben sollte.

Das kann man einerseits begrüßen, man kann es aber auch ablehnen, den Menschen und seine Entwicklung solchermaßen aus der Naturgeschichte herauszulösen. Im Falle von Tieren würde man ein solches Gerechtigkeitsdenken wohl nicht gelten lassen. Als Tierrechtler weiß ich natürlich, dass es Ungerechtigkeiten gegen Tiere gibt, dass Tiere Rechte haben, die massenhaft und in grauenhaftester Art missachtet werden, aber das Recht, an einem bestimmten Ort geboren zu werden, gehört nicht dazu. Es ist nicht ungerecht, dass das Zebra in Kenia und der Elch in Schweden zur Welt kommt und dort sein Leben leben muss.

Die Linken wollen derartige Natürlichkeiten für den Menschen nicht hinnehmen. Ich erlebe Leute, die ganz explizit so argumentieren: „Es ist reiner Zufall, dass du hier in Europa geboren worden bist. Das ist nicht dein Verdienst, dass es dir so gut geht. Also hast du die Pflicht, den Menschen rund um den Globus, denen es unverschuldetermaßen schlechter geht, zu helfen. Keiner kann was dafür, wenn er im Kongo zur Welt kommt, es ist ungerecht, und diese Ungerechtigkeit muss ausgeglichen werden, indem die reichen Länder die armen Länder unterstützen, bis sie genauso wohlhabend sind wie wir oder indem wir die Menschen aus dem Kongo bei uns aufnehmen und ihnen ein Leben in jenen Verhältnissen ermöglichen, die ihnen der ungerechte Zufall verwehrt hat.“

Es ist schwer, dagegen zu argumentieren. Mit vernunftgeleitetem Gedankenaustausch, mit dem Durchspielen ethischer Dilemmata und rationalen Erwägungen, ob das denn selbst bei gutem Willen funktionieren könnte, und ob es dann nicht am Ende allen ziemlich schlecht gehen würde, kommt man nicht weit. Die moralische Energie, die den Gerechtigkeitsfuror treibt, überstrahlt solche Kleinmütigkeiten in aller Regel. Und die Energie ist das Entscheidende. Die Energie entsteht aus dem Gefälle zwischen dem Sein und dem Sollen, zwischen der Welt wie sie ist und wie sie gerechterweise sein müsste. Diese Energie wird immer neue gute Gründe und Argumente finden oder erfinden. Die Frage ist, an welcher Stelle des Gefälles stehe ich mit meinem Welt- und Lebensgefühl, wie stark empfinde ich demzufolge die Fließkräfte der Welt, das Tosen, die Unsummen stürzender Schicksale, sinnlos wirbelnder Lebenszeit, die Fluten vertaner Existenzmöglichkeiten und unwiederholbarer Individualität.

Ich habe große Sympathie für dieses empathisch-linke Weltgefühl, diese unverhandelbare Gewissheit, dass es auf jedes einzelne Leben ankommt, dass wir uns mit keinem Verlust abfinden dürfen, dass wir so lange nicht ruhig schlafen dürfen, nicht genießen und lachen dürfen, nachlassen dürfen in unserer Verzweiflung und unserer Gerechtigkeitswut, bis endlich alle gerettet sind und jedes Kind, wo immer es seinen Lebensweg beginnt, die gleiche Chance hat, ein Leben in Freiheit zu führen.

Da bin ich mir allerdings mittlerweile nicht mehr sicher, ob das überhaupt noch der linken Weltanschauung entspricht, also der heutigen linken Weltanschauung. Dass die Linken, wenn sie im Besitz politischer Gestaltungsmacht sind, sich nicht immer als Freunde der Freiheit erwiesen haben, bedarf wohl keiner größeren geschichtlichen Illustration. Und auch heute gibt es mehr als genug Gründe, an der Freiheitsliebe linker Weltverbesserer sehr zu zweifeln.

Heute steht die Freiheit ohne Zweifel eher auf der rechten Seite. Wenn versucht wird, den Rechten delegitimierende, diskreditierende Etiketten wie autoritär, intolerant oder auch nur konservativ anzukleben, so muss man sich schon sehr wundern, dass den Klebern gar nicht auffällt, wie gerade die bösartigsten Wucherungen dieser Eigenschaften regelmäßig in linken Gesellschaftsexperimenten zum Vorschein kommen. Die DDR (von UDSSR, China, Nordkorea etc ganz zu schweigen) war autoritär und konservativ bis zum Anschlag. Wenn die Umkrempelung der politischen, sozialen, kulturellen Realität einmal vollzogen ist, geht es in solchen Systemen nur noch ums Konservieren. Die Konserve wird mit aller Autorität und staatlichen Allmacht vor dem Öffnen und Umrühren bewahrt. Der linke Konservativismus glaubt, seine Konserven über jedes Haltbarkeitsdatum unter Verschluss halten zu können, aber früher oder später gärt es, und irgendwann platzt der Deckel ab.

Wenn Sie mir nun – erwarteterweise – mit dem Nationalsozialismus kommen, und mir zurufen, dass der ja wohl um einiges schlimmer und verheerender gewesen sei als die DDR, dann muss ich Ihnen zurückrufen, dass das wohl sein kann, aber konservativ waren die Nazis ganz sicher nicht. Vielleicht wären sie es irgendwann geworden, aber in den zwölf Jahren ihres Wirkens, waren sie leider ziemlich revolutionär und extrem experimentierfreudig. Waren sie autoritär? Gewiss hat der Nationalsozialismus viele (später so genannte) autoritäre Charaktere angezogen, aber das System wurde von Hitler geradezu bewusst auf die Brechung und Schwächung persönlicher und institutioneller Autoritäten hin eingerichtet, damit seine eigene oberste Führerautorität unangefochten bleiben konnte.

Und dann stellt sich ja auch immer wieder die Frage, ob Hitler eigentlich ein Rechter war. Es ist ja keine Wortklauberei, wenn man den National-Sozialismus beim Namen nimmt. Die Frage ist, ob Hitler womöglich als Nationalsozialist begonnen hat und später irgendwann zum Rechten wurde und dann eben kein Sozialist mehr war. Aber mit solchen Fragen bewegen wir uns im Kreis, denn zu ihrer Beantwortung müssten wir erst sicher wissen, was ein Rechter ist und was ein Linker ist.


Ewigkeitserprobte Teilnahmslosigkeit

Das Grundproblem der überall um sich greifenden Realitätsallergien ist die fortschreitende Sensibilisierung des Menschen, zumal des westlichen Menschen. Sie müsste eigentlich gar kein Problem sein, im Gegenteil: in einer echten Kultur wäre sie ein Segen. In unserem übervölkerten, überzüchteten, hochverdichteten Zivilisationshabitat aber ist sie der Risikofaktor Nummer eins.

Die extreme, extrem einseitige Überfeinerung – nicht mehr nur einer Décadence-Elite wie in früheren, glorreich-produktiven Fin-de-siècle-Zeiten, sondern nahezu aller massenmedial zugerichteten Bevölkerungsschichten – bildet die psychosomatische Grundlage, auf der das zeittypische Syndrom des malignen Moralismus, der political correctness, der Identitätspolitik, des Corona-Wahns, der Cancel Culture, des gutmenschlichen Denunziantentums, des „Totalitarismus mit reinem Gewissen“ derart grell und wuchernd erblühen konnte.

Die Menschen sind so sensibel wie nie zuvor, sie sind schlichtweg nicht mehr in der Lage, irgendwelche Härten des Lebens auszuhalten. Sie müssen auf alle Störungen, alle Ungleichgewichte ihres Behaglichkeitsraums mit Empörung reagieren, mit Beseitigungs- und Wiedergutmachungsforderungen. Sie wittern überall in ihrer reizüberfluteten und mit Nichtigkeiten vollgestopften Welt Gefahr, Feindseligkeit, Abzocke, Fake-News, Benachteiligung, Herabsetzung, Nichtbeachtung – und diese Witterung ist nicht einmal paranoid, denn die Welt, die reale Welt stellt wirklich eine Gefahr dar für den modernen, hypersensiblen Spätmenschen: Sie zeigt ihm immer wieder auf, wie falsch, wie evolutionär irrwegig, wie unangepasst sein Inneres ist, wie instabil, wie fragil, wie grundfalsch und schlecht zurechtgelogen seine Seelenwelt mittlerweile ist. Der Wirklichkeitsabgleich mit der echten Welt, der Welt aus Fleisch und Blut, aus Geist und Gefühl, aus Luft, Wasser und Erde, Pflanzen, Tieren und Naturgesetzen scheitert an jeder Stelle. Das mentale Leben in der digitalen Parallelwelt (DPW) hat den Menschen von der echten Welt entwöhnt, er züchtet sich selbst zurück in einen infantilen Befriedigungskosmos, der halbwegs funktioniert, solange sich die Welt psychisch in Passform bringen lässt, solange die Zumutungen des Lebens sich kindgerecht zurechtfiltern lassen. Die echte Welt aber ist kein Bildschirm. Die echte Welt kennt keine Filterblasen und keinen „Rückgängig“-Button. Sie ist der erste und letzte Garant biologischer Authentizität. Die humane Biosphäre erweist sich immer wieder, allen kultürlichen Entartungstendenzen zum Trotz, als der unentrinnbare Raum harter und heller Evidenz. Die Natur lässt sich nicht dauerhaft belabern, sie filtert uns keine unangenehmen Konflikte aus unserm Erleben heraus. Sie weigert sich, unsere Lebenslügen zu bestätigen. Sie ist das stetig und konsequent sich selbst exekutierende Gesetz. Sie widerlegt uns mit ewigkeitserprobter Teilnahmslosigkeit.

Die Natur, die einzige echte Welt, ist voller Schicksale und Tragödien, sinnloser, aber regelhafter Konsequenz.
Die Algorithmen der DPW dagegen sind reine Lügengebilde, teuflische Werkzeuge zur Erzeugung wahnhafter, unechter, unmenschlicher Pseudorealitäten.
Der Mensch gehört in den Wald. Im Internet wird er untergehen.


Die Gossen der Welt

Dass es einmal ein bürgerliches Zeitalter gab, in dem gebildetes und besitzendes Bürgertum, Patriziat und Adel den Ton angaben, war nur möglich, weil dieser Ton der einzige war, der zu hören war. Die Stimmen, die medial zur Geltung kamen, waren die von Exponenten ihrer Mikrokulturen. Auch wenn sie, wie Marx und Engels, ihre Kritiker waren. Die Geister, die die Mittel besaßen, sich zu äußern, die die mediale Publizität und damit die Potenz hatten, die Gesellschaft zu „stimmen“, in bestimmte Stimmungen zu bringen, taten das aus den Sphären und Blasen ihrer soziokulturellen Subsysteme heraus. So entstand das Bild und der Sound einer Wirklichkeit, die zwar nur einen kleinen Teil der realen Sachlage wiedergab, die aber die Menschen in ihren Wünschen und Träumen und Anschauungen prägte. Es gab die große, große alltägliche Wirklichkeit des Volkes, der Arbeiter, der Bauern und Kleinstbürger, aber aus dieser Welt heraus vernahm man kaum eine authentische Stimme. Die Armen und Werktätigen, die Abgehängten und Übersehenen hatten Besseres, das heißt: Schlechteres zu tun, als ihrer „Community“ Schminktipps zu geben oder um Anerkennung für ihre Selbstverwirklichungsprojekte zu jammern.

Daran änderte sich im gesamten Zeitalter seit der Industrialisierung, von 1800 bis um die Jahrtausendwende, der Gesamtstruktur nach kaum etwas. Noch in der Generation meiner Eltern kam höchstens ein Promille mal auf die Idee, öffentlich das Wort zu ergreifen, mitreden zu wollen, etwa in Form eines Leserbriefes.

Die Zeit vor dem Internet war noch in den 80ern und 90ern eine Zeit, in der die Medien für all diese kleinen Leute, für ihre Sehnsüchte und Bedürfnisse gemacht wurden. Gebildete Medienmenschen mit ganz selbstverständlichen Superioritätsansprüchen suchten Inhalte und Formen aus, die gut waren fürs Volk. Klar, jeder, der wollte, konnte auch damals schon eine Zeitung gründen und seine Ansichten veröffentlichen, das garantierte die Pressefreiheit, aber nur sehr wenige machten davon Gebrauch, und wenn sie Gebrauch machten, hatten sie meist wenig Erfolg, weil sie nichts davon verstanden oder ihnen die Produktionsmittel fehlten. Mit dem Internet aber bekamen sie schließlich die Mittel, und sie nutzten sie ausgiebig, und sie nutzten ihre Pressefreiheit und pressten und pressten ihren ganzen Bullshit in die digitale Öffentlichkeit hinein, bis die in allerkürzester Zeit so verdreckt und vergiftet war wie einstmals die Rinnsteine und Kloaken der Elendsviertel. Wo früher Nachttöpfe aus dem Fenster gekippt wurden und sich Kinder wie Hunde in aller Öffentlichkeit erleichterten, da lässt das heutige, das digital ermächtigte Volk nunmehr alles raus, alles hinab in die Gossen der Welt, es würgt und reihert und strullt und defäkiert, was die Innereien hergeben. Und das Klima ist dann halt entsprechend.

Max Goldt sprach allerdings schon lange vor der digitalen Wende, schon vor dem Siegeszug der sozialen Medien, vom Geschmacksdiktat der unteren Mittelschicht. Und er verband diese Diagnose ursächlich mit dem Aufkommen des Privatfernsehens.
Dieser Faden der Geschichte ist meines Wissens bislang nicht befriedigend zurückverfolgt worden. Es würde sich gewiss sehr lohnen, im Einzelnen zu erforschen, was genau durch RTL, durch Hans Meiser und Tutti Frutti, Bärbel Schäfer und Big Brother in den Menschen zerstört bzw. aufgestachelt worden ist, dass sie das Gefühl bekamen: Ich darf so sein. Ich darf mich so zeigen in meiner ganzen Hundserbärmlichkeit. Ich darf mich gehen lassen und mich dabei sehen lassen. Ich darf asozial rumschreien und in aller Schamlosigkeit das Niederste von mir preisgeben, und ich habe einen Anspruch darauf, dass es gehört und anerkannt und gewürdigt wird, denn meine Menschenwürde macht auch aus meinen Exkrementen noch etwas Wertvolles und Sehenswertes, mein unartikuliertes Gelaber ist genauso viel wert wie irgend so ein unverständliches Gedicht von Stefan George, sogar mehr, denn meine Worte werden von Millionen gehört und Georges nur von ein paar hundert.

Das Allerseltsamste aber ist, dass man diesen Menschenwürde-Menschen, die endlich zu Wort kommen durften, all das so durchgehen ließ, dass die George-Menschen nicht eingriffen, dass sie nicht die Mikros abdrehten, die Sendeanstalten schlossen, Hans Meiser und all die medialen Volksverpöbler verhaften ließen und dem vulgären Spuk ein schnelles Ende machten. Warum versagen die Kulturbürger immer, wenn es drauf ankommt?

Ja. Diese Frage geht an Sie, meine hochverehrten Herrschaften. Sie sind ein wenig spät dran mit Ihrer Bürgerlichkeit. Wo waren Sie, als es galt, Hans Meiser und Big Brother zu verhindern?


 

Wenn Ihnen dieser Text gefällt oder sonstwie lesenswert und diskussionswürdig erscheint, können Sie ihn gern online teilen und verbreiten. Wenn Sie möchten, dass dieser Blog als kostenloses und werbefreies Angebot weiter existiert, dann empfehlen Sie die Seite weiter. Und gönnen Sie sich hin und wieder ein Buch aus dem Hause Flügel und Pranke.

 

© Marcus J. Ludwig 2021.
Alle Rechte vorbehalten.