Von der Pflicht des öffentlichen Intellektuellen

Offener Brief an Richard David Precht

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„Sind Sie auf jemanden neidisch?“ Diese Frage stellt man regelmäßig irgendwelchen Kultur-Celebreties in den Personality-Fragebögen geistreicher Magazine. Eine gute, wenn auch reichlich indiskrete Frage, die man begreiflicherweise gerne mit Nein beantwortet. Der Neid ist nicht die schlimmste, aber bestimmt die blamabelste aller Todsünden.

Experimentierfreudig wie ich manchmal bin, hätte ich keine Scheu, mich hier völlig bloßzustellen, indem ich zugäbe, dass ich auf Sie, geschätzter Richard David Precht, immer ein wenig neidisch war. Sie verkörpern genau das, was jeder Schriftsteller, jeder Mensch mit Ideen und Gedanken, erreichen möchte: Alles, was Sie sich so ausdenken, wird gedruckt und gesendet. Alles, was Sie (in über vierzig Sprachen) veröffentlichen, verkauft sich wie Klopapier in der Krise. Ihr Rat ist gleichermaßen gefragt bei Milliardären und Weltverbesserern, alle Menschen – bis auf ein paar sauertöpfische Sloterdijk-Ultras – mögen Sie, das Aussprechen Ihres Namens sorgt bei Partygästinnen für leuchtende Augen und Hitzewellen. Welcher Literat, welcher Essayist, welcher Homme de Lettres wäre nicht gern wie Sie!

Nun – wenn ich’s recht bedenke, möchte ich, glaub ich, doch lieber sein wie ich. Denn ich fürchte, dass der Dauerapplaus, der Ihre superlativische Denkerkarriere begleitet, mittlerweile irgendetwas in Ihnen betäubt hat, und der Defekt offenbart sich wie bei so vielen, leider Gottes, im Versagen gerade da, wo es jetzt wirklich mal drauf ankäme.

Die Welt verliert seit einem Jahr völlig den Verstand, die Menschen spielen verrückt, der klare Kopf des Analytikers ist gefordert, der Philosoph als Kulturarzt, zu dem Nietzsche ihn mal bestimmte, der öffentliche Intellektuelle als Zivilisationstherapeut (zu dem ich ihn mal bestimmte) muss tätig werden. Aus seinem Abstand zum Gewese des Alltags, aus seiner elfenbeintürmigen Weltfremdheit, gern auch aus seiner Düsseldorfer Altbauwohnung heraus soll er das verwirrte Volk betrachten und befunden, soll er dem schwindeligen Zeitgeist die Diagnose stellen. Er soll heilsam intervenieren, indem er die Störungen und Irrungen in klare, helle Worte fasst, soll Selbstheilungskräfte aktivieren, soll den Patienten: „die Gesellschaft“ in ihrer notorischen Unbewusstheit, mit ihren Ungereimtheiten konfrontieren und somit hoffentlich kurieren. Bis zum nächsten Rückfall wenigstens.

Aber vielleicht ist das ein Anspruch, mit dem ich sogar Sie überfordere. Nach Ihrer ersten Einlassung zum Corona-Irrsinn glaubte ich immerhin noch, dass Sie Ihrer Rolle und Ihrem Rang gerecht werden würden. Sie sagten im März 2020:
„Jetzt kommt etwas vergleichsweise Harmloses, etwas, das so gefährlich ist wie ne Grippe, mit ner Mortalitätsrate von 0,3 Prozent der Betroffenen, und auf einmal ist alles anders! Der Staat greift ein, setzt unter Quarantäne, Verordnungen gibt es, Veranstaltungen werden abgesagt, die Leute fliegen weniger … plötzlich ist alles möglich, obwohl es sich um eine sehr kleine Bedrohung handelt, aber angesichts der ganz großen Menschheitsbedrohungen scheint das alles nicht möglich zu sein. Das weckt den Sinn für das Nachdenken.“(1)

Dafür gab es zur Abwechslung mal ein wenig Gegenwind von Fans und Faktencheckern. Von mir gab es zustimmendes Nicken und die Hoffnung, dass der geistesgegenwärtige Kollege Precht die sich hochschaukelnde Hysterie schon ausreichend kritisch und kurativ begleiten werde.

Nun musste ich aber kürzlich kurz hintereinander Ihre Auftritte in diversen Talkshows(2) mitverfolgen – was heißt „musste“ … ich „musste“ natürlich nicht, aber aus einer gewissen, an Treue grenzenden Gewohnheit höre ich halt stets gern zu, wenn Sie das Wort ergreifen. Und was Sie da beim Wortergreifen so alles von sich gaben, das pumpte in mir ein diffuses, fragezeichenförmiges Staunen auf, und das würde ich jetzt gern mal – wenn Sie fünf Minuten Zeit haben? – in konkrete Worte und lesbare Sätze zu fassen versuchen.

Sie sagen zum Beispiel: „Der Staat geht ja nicht hin und sagt, ich probier jetzt mal ein bisschen Diktatur aus und schränke mal Grundrechte ein, sondern der Staat steht vor einem generellen Problem. Nämlich: Wenn ich jemanden anstecke, dann geht der ein hohes Risiko ein, möglicherweise zu sterben(3). Das heißt, dessen Recht auf Leben ist damit bedroht. […] Also muss der Staat andere Grundrechte einschränken, um das Grundrecht Recht auf Leben zu schützen. Das ist ein Gedankengang, den macht schon mal ein Teil dieser Leute [gemeint sind Kritiker der Corona-Maßnahmen] gar nicht mit. Der ist ihnen schon mal nicht klar.“

Nachdem der Moderator von hunderttausend Toten und explodierenden Zahlen deliriert und Bürger als patzige Kunden hinstellt, die dreisterweise vom Staat ihre Rechte zurückfordern, behaupten Sie – statt energisch zu widersprechen:
„Der Staat kann einem selbstverständlich abverlangen, dass die Maßnahmen, die der Staat ergreift zum Schutz der Schwachen – und das ist das starke Motiv, das dahinter ist –, dass die eingehalten werden.“
Wollen wir hoffen, dass dies nicht der eine fatale Satz ist, mit dem Sie als Kronphilosoph des Coronismus in die Geistesgeschichte eingehen werden.

Recht haben Sie wohl, wenn Sie eine um sich greifende Kundenorientierung der Bürger gegenüber dem Staat beklagen. Die ist im Allgemeinen natürlich wirklich beklagenswert und auf mittlere Sicht tödlich für ein Gemeinwesen. Im Falle der coronabedingten Grundrechtseinschränkungen geht es aber nicht um egoistische Abzocker, die vermessenerweise vom Staat bedient werden wollen wie König Kunde, sondern um Bürger, die Widerstand leisten gegen eine übergriffige Regierung, die auf der Grundlage wahnhafter Szenarien die Fundamente der freiheitlichen Demokratie zerstört.

Man kann es sich natürlich sehr einfach machen, wenn man die alle mal eben als Querdenker und Coronaleugner abqualifiziert. Man kann sich herrlich mit Barbara Schöneberger beömmeln über Verschwörungstheoretiker, die Merkel oder das Davoser WWF im Verdacht haben, das Virus zum Zwecke des Great Resets in die Welt gesetzt zu haben.
Man kann launige Bonmots raushauen wie: „Coronaleugner arbeiten im Regelfall nicht auf Intensivstationen.“ Oder: „Leute die Selbstwirksamkeitserfahrungen machen, also praktisch die Erfahrung machen, dass sie durch Helfen Anerkennung kriegen, die finden sich sehr sehr selten auf Querdenker-Demos.“

Kann man machen. Nur frage ich mich, wovon Sie, lieber Herr Precht, bei all dem eigentlich reden. Ich frage mich, in welchem medialen Paralleluniversum Sie das letzte Jahr verbracht haben. Sie bauen da einen Popanz auf von querdenkenden, coronaleugnenden Staatsfeinden, die sich „entpflichten“. Sie legen sich einen Gegner zurecht, der mit ein paar Ohrfeigenargumenten lässig zu erledigen ist. Sie übergehen all die satisfaktionsfähigen Protagonisten unter den Corona-Realisten. Oder sollte Ihnen wirklich vollständig entgangen sein, dass es etliche kritische Philosophen, Denker, Intellektuelle gibt, die keineswegs Leugner, Querulanten, „Rechte“ sind, die aber mit guten, durchdachten Argumenten bestreiten, dass jene Killerseuchen-Realität existiert, aus welcher Sie irgendwelche staatsbürgerlichen Verpflichtungen herleiten? Sie werden – so hoffe ich – nicht ernsthaft Ihre Kollegen Michael Esfeld, Christoph Lütge, Giorgio Agamben, Svenja Flasspoehler, Ulrike Guérot, Norbert Bolz, Philip Kovce, Daniel von Wachter, Markus Gabriel und andere zu pflichtvergessenen Coronaleugnern abstempeln?

Und sollte Ihnen ebenfalls entgangen sein, dass honorige Gelehrte, Praktiker, Lehrstuhlinhaber verschiedenster Fachrichtungen, Psychologen, Ökonomen, Pädagogen, Politologen, Soziologen, Epidemiologen, Statistiker, Chefärzte, Mathematiker, Richter, Public-Health-Experten – ich nenne beispielhaft Matthias Schrappe, Gerald Hüther, Wolfgang Streeck, Philipp Bagus, Wolfgang Wodarg, Klaus Stöhr, Gunter Frank, Hans-Jürgen Papier, Christof Kuhbandner, Oliver Lepsius, Stefan Homburg, Thomas Vosshaar, Thomas Rießinger, Ines Kappstein, Wolfram Meyerhöfer, Christian Schubert, Henrik Ullrich, Paul Brandenburg, Martin Sprenger, Andreas Sönnichsen, Martin Haditsch – dass also diese und tausend andere Fachleute in methodisch sauberen und akribisch argumentierenden Beiträgen zu ganz anderen Analysen und Empfehlungen kommen, als die paar radikalen Kanzleramtsberater und von der Mainstreampresse vergötterten Experten – als da wären Melanie „Wir, die Wissenschaft“ Brinkmann, Michael Meyer-Hermann, Viola Priesemann, Christian Drosten, Lothar Wieler et al. –, die den öffentlichen Diskurs und die Wirklichkeitswahrnehmung der Menschen dominieren?

Um Sie nun aber nicht auf ein paar Äußerungen in TV-Plauderrunden festzunageln, habe ich auch Ihr neues Buch gelesen(4), in dem ich meine Eindrücke allerdings sämtlich schriftlich bestätigt finde. Welcher Deibel hat Sie geritten, als Sie Kapitel 1 schrieben(5), eine einzige verstörende Denunziation, ein verbissenes Verleumdungs- und Ablenkungsmanöver? Sie schimpfen auf die Trotzigen und die Nörgler, Sie reden von fehlender Empathie und mangelnder Rücksicht, von Egoismus und Solidaritätsbruch, vom Drücken vor der staatsbürgerlichen Pflicht, von selbstverschuldeter Blindheit, von imaginierten Realitäten und Spekulationskonstrukten, von der Aggression einer lauten Minderheit, die mit Unsicherheit nicht gut umgehen kann, später gar von Kannibalen-Moral und vom faschistischen Geist der Empörer. Sie entwerfen ein binäres Szenario, in dem es nur eine kleine krakeelende Schar durchgeknallter Aluhut-Nazis gibt und die überwältigende Mehrheit urteilskräftiger solidarischer Staatsbürger, die auf die Politiker, die es derzeit so furchtbar schwer haben, hören, auch wenn es manchmal schwerfällt.

Was soll das? Warum richten Sie alle Aufmerksamkeit auf ein paar esoterische Neohippies, Reichsbürger und schillernde Seelen, als wären die allen Ernstes die Opposition, die es zu widerlegen gilt. Sie verschwenden kein einziges Wort an die Argumente der rationalen Demonstranten, der kritischen Wissenschaftler und Aufklärer, der „bürgerlichen“ Staatsbürger, welche keineswegs gegen den Staat sind, sondern – im Gegenteil – den Staat verteidigen gegen die, die ihn missbrauchen.

Sie reden vom „pflichtbewussten Staat“. Den kann ich nirgendwo erkennen. Sie depersonalisieren die Verantwortung, Sie abstrahieren von den handelnden Akteuren, als wären wir in einem staatstheoretischen Planspiel. Kein Wort von Merkel, Spahn, Lauterbach, Söder, Laschet, Kretschmer, Tschentscher, Seehofer, Altmaier, kein Wort von kopflos Regierenden, die sich mit Gefälligkeitswissenschaftlern umgeben und sich von Affirmationsmedien die Kritiker vom Halse schaffen lassen.
Es handelt hier nicht „der Staat“, es handeln Personen, die ihren Ämtern und ihrer Verantwortung nicht gewachsen sind, es handeln Menschen, die falsche Entscheidungen treffen, Menschen, die sich vorsätzlich einseitig beraten lassen, Menschen, die sich in eine Kontrollillusion verrannt haben und sich als vollkommen unfähig zur Selbstkorrektur erweisen.

Für mich stellt sich bei all dem die beängstigende Frage, ob Sie, Herr Precht, mit Absicht so handeln, so ignorant, so regierungsdienlich, so applausorientiert, oder ob es schlicht Unwissenheit, selektive Wahrnehmung, Naivität ist, was sich hier offenbart. Letzteres wäre peinlich, aber immerhin noch verzeihlich. Sollten Sie aber mit Vorsatz all das unterschlagen, was Sie eigentlich wissen und daher auch vorbringen müssten, dann … keine Ahnung, was dann … ich habe nichts anzubieten, womit ich Ihnen „drohen“ könnte, höchstens vielleicht das Urteil der Nachwelt. – Vielleicht bin ich da etwas altmodisch, aber ich finde, die intellektuelle Ehre gebietet, dass Sie die Frage Absicht oder Unwissenheit? bei nächster Gelegenheit klar und deutlich beantworten.

Offen gestanden: Ich bin versucht, Ihr Buch Satz für Satz zu kommentieren, und all Ihren Argumenten meine Sicht der Dinge gegenüberzustellen, über das Tocqueville-Dilemma zu meditieren und das Böckenförde-Diktum zu diskutieren, aber für solche Exzesse der Philosophierlust ist hier kein Platz, und letztlich geht es eh nur um die eine entscheidende Frage, auf die alle Corona-Diskussionen immer zulaufen, die eine Frage, die über Sinn und Unsinn des Infektionsschutzgesetzes und der Maßnahmen entscheidet, die eine Frage, mit deren Beantwortung auch die Plausibilität Ihres ganzen Buches (abgesehen vom letzten Kapitel) steht und fällt – und diese Frage lautet: Wie bedrohlich, wie gefährlich, wie „schlimm“ ist dieses Virus und das von ihm verursachte Krankheitsgeschehen denn tatsächlich? Und schon diese Frage muss direkt realitätsgemäß relativiert werden, denn was wir als Krankheit Covid-19 bezeichnen, ist lediglich teilweise verursacht durch den viralen Erreger. Das Virus verstärkt bestehende gesundheitliche Störungen, es gedeiht auf der Grundlage von Krankheitsprozessen, die den „Wirtsorganismus“ schon lange vorher geschwächt haben(6). Diese Kausalitätsfrage ist keine schöngeistige Petitesse. Sie spielt auch bei der Frage der Prävention (Stärkung der Immunkräfte durch gesunden Lebensstil) eine bedeutende Rolle.

Also, wenigstens ansatzweise: Wie bedrohlich ist dieses Virus und das von ihm teilverursachte Krankheitsgeschehen? Sie, Herr Precht, gehen ganz offensichtlich – im Einklang mit der Bundesregierung, den Länderregierungen, den Meinungsmachern der großen Medien, den Wissenschaftlern, die in diesen Medien zu Wort kommen, und der großen Mehrheit der von diesen Medien einseitig informierten Bürgern – davon aus, dass wir es mit etwas sehr viel Gefährlicherem als den üblichen saisonalen Atemwegsinfektionskrankheiten zu tun haben. Und Sie haben sich offensichtlich nicht darum bemüht, diesen Eindruck sorgfältig zu hinterfragen. Alles, was Sie über die Pflicht des Staates, seine Bürger zu schützen, schreiben, ist bedenkenswert und diskussionswürdig, es entbehrt jedoch in der Situation, in der wir uns befinden, (höchstwahrscheinlich) der faktischen Grundlage. Die derzeitige Anwendbarkeit Ihrer Pflichtphilosophie beruht auf offiziellen Zahlen, die falsch sind (oder falsch interpretiert werden), die methodisch unsauber gewonnen werden, die zusammenhangslos verkündet werden, und die sich nicht selten am Rande der Lüge bewegen.

Ich gehe davon aus, dass Ihre spontane Reaktion auf diese Worte irgendetwas in der Richtung „So ein Verschwörungs-Spinner!“ sein wird. Vielleicht machen Sie sich trotzdem die Mühe, ein einziges Beispiel wie die Mär von den verlorenen Lebensjahren (7) zu lesen, um zumindest einmal zu erahnen, mit welch zweifelhaften Berechnungen das RKI seine Panikstrategie zu flankieren beliebt.
Ich zitiere aus dem Fazit, das Professor Kuhbandner von der Uni Regensburg zieht: „[…] sprechen die bisher verfügbaren Daten und Studien sehr stark dafür, dass die vom RKI veröffentlichte Schätzung, dass jedes Covid-19-Todesopfer im Schnitt noch 9,6 Jahre zu leben gehabt hätte und demnach durch Covid-19-Todesfälle im Jahr 2020 in Deutschland 303.608 Lebensjahre verloren gegangen seien, eine deutliche Überschätzung darstellt. Vielmehr spricht vieles dafür, dass Covid-19 andere Todesursachen ersetzt und damit nur wenig Lebensjahre verloren gegangen sind. Es ist wirklich überraschend, warum […] von einer Fachinstitution wie dem RKI solche potentiell irreführenden Zahlen überhaupt veröffentlicht werden […].“
In einer funktionierenden Öffentlichkeit wäre das eine Titelstory für den Spiegel und eine Nummer-1-Nachricht in der Tagesschau: „Schwere Vorwürfe eines renommierten Wissenschaftlers stehen im Raum. Hat das RKI vorsätzlich falsche Zahlen veröffentlicht, um den Kurs der Regierung zu stützen? Oder regiert in der Behörde die reine Inkompetenz? Ist Wieler noch tragbar? Zieht der Bundesgesundheitsminister die Konsequenzen und reicht seinen Rücktritt ein?“
Pardon, etwas abwegige Vorstellung …

Ich fürchte, Sie, werter Richard David Precht, leben derzeit mit der Mehrheit unserer „pflichtbewussten“ Mitbürger in einer Fake-Realität.(8) Gewiss, es existiert ein Virus, das für eine Anzahl von Menschen gefährlich sein kann. Aber es besteht keine „epidemische Lage von nationaler Tragweite“. Sie besteht nicht und hat nie bestanden. Die seit über einem Jahr herbeifabulierte Gesundheitskatastrophe, die uns irgendwie verpflichten würde, uns still und blind einem grundrechtsverhöhnenden Infektionsschutzgesetz zu fügen, ist ein Phantasma, eine „folie à beaucoups“, ein durch Schockbilder induzierter Massenwahn seltenen historischen Ausmaßes.

Die Krankheit Covid ist für alte, vorerkrankte und immungeschwächte Menschen gefährlich und fügt Betroffenen und Angehörigen großes Leid zu. Kein ernstzunehmender Mensch bestreitet das. Aber die Summe individueller Schicksale (in der Größenordnung sehr wohl vergleichbar mit einer mittelschweren, regional auch schweren Grippe) rechtfertigt nicht die Maßnahmen, mit denen wir seit geraumer Zeit in eine „neue Normalität“, eine tendenziell totalitäre Normalität hineingezwungen werden, sie rechtfertigt nicht, dass alte Menschen einsam, unbegleitet, in Isolation sterben müssen, dass Kinder in eine Welt von maskenverfremdeten Mitmenschen hineinwachsen, dass sie irgendwelche sinnlosen Tests an sich durchführen müssen, zitternd, weil sie fürchten, danach ins Krankenhaus gesteckt zu werden. Diese Krankheit, das Bedrohungspotenzial dieser Krankheit, kann keinen Lockdown legitimieren, wie wir ihn seit endlosen Monaten erleben; es werden Existenzen vernichtet, es türmen sich die Kollateralschäden, unbehandelte Krankheiten, Depressionen, allgemeine Schwächung der Immunkräfte, Arbeitslosigkeit, häusliche Gewalt, Entwicklungsdefizite, verlorene Schülergenerationen, Alkoholismus, Stumpfsinn, Lähmung des Lebens und der Lebendigkeit. Ganz zu schweigen vom zigmillionenfachen Elend, das unser Wahn in Drittweltländern produziert.
Sie sind zu intelligent, um eine derart groteske Unverhältnismäßigkeit, wie sie hier zutage tritt, nicht zu erkennen. Dachte ich jedenfalls bislang.

Ich verfolge Ihren intellektuellen Werdegang seit über zwanzig Jahren, seit Ihrem Buch Noahs Erbe. Falls es im Bisherigen noch nicht klargeworden sein sollte: Ich schätze Sie als einen klar denkenden, anschaulich und verständlich formulierenden Diagnostiker, als bedeutenden Anreger, Lehrer und Begeisterer (ich habe mir in meinem Buch „Meine feindlichen Freunde“ erlaubt, Sie für das Amt des Bundespräsidenten vorzuschlagen, jedoch meine Autorität ist begrenzt). Ich kann eigentlich nicht glauben, dass Sie, auch Sie, dem Wahn verfallen sein sollten, Corona sei eine Killerseuche wie Pest oder Ebola.

Ich versuche, Ihre Motive zu verstehen, Ihre Überlegungen nachzuvollziehen, ich kann mir beim übelsten Willen eigentlich nicht vorstellen, dass es Konformismus, Sorge um Umsätze, Angst vor Ausschluss aus dem Kreis der Guten und Gerechten sein sollte, was Sie davon abhält, mit der Wahngemeinschaft zu brechen, die Wahrheit auszusprechen und die Rückkehr zur Wirklichkeit anzumahnen.
Nein, ich glaube, Sie haben wohl einfach eine falsche Entscheidung getroffen. Sie haben selbst die Unsicherheit der Situation nicht ausgehalten, haben sich entschieden, die offizielle „Mehrheitsrealität“ zu akzeptieren und müssen nun alles ausblenden, was Sie zu einer erneuten Revision Ihrer Entscheidung zwingen könnte. Es ist die einzige Erklärung, die ich finde für den Furor, mit dem Sie sich an einem Pseudogegner abarbeiten, statt sich mit den vielen kritischen Stimmen auseinanderzusetzen, den vielen verfemten Abweichlern, die ihrer Pflicht als Wissenschaftler, Ärzte, Denker, Bürger gewissenhaft und gemeinwohlorientiert nachkommen.

Wenn wir von der Pflicht reden, dann müssen wir von der Pflicht des Philosophen, zumal des öffentlichen Intellektuellen reden. Sie, Richard David Precht, sind der öffentliche Intellektuelle Deutschlands. Ihre Stimme wird gehört, Ihre Stimme hat Gewicht. Sie sind vielleicht der einzige Repräsentant des Geisteslebens, der bestimmte Dinge in der großen Öffentlichkeit ansprechen kann, ohne als Spinner und „Rechter“ diffamiert zu werden.(9) Sie mit Ihrer Präsenz und dem Respekt, den Sie genießen, könnten die überfällige gesellschaftliche Verhältnismäßigkeits-Debatte anstoßen (Ansätze dazu liefern Sie ja bereits in Ihrem Buch), in der endlich geklärt werden muss, wie wir mit diesem Virus – und denen, die ganz sicher früher oder später noch kommen werden – umgehen wollen. Sie können die Debattenräume öffnen und einfordern, dass endlich all jene gehört werden, die bislang lediglich in medialen Nischen zu Wort kommen. Sie können Ihre Macht nutzen und helfen, diesen Albtraum zu beenden. Tun Sie es!

Während ich dies schreibe, stirbt gerade die Mutter einer Freundin auf der Intensivstation eines Krankenhauses „im Zusammenhang mit“ Corona. Es fällt nicht ganz leicht, „philosophisch“ zu bleiben, wenn Verzweiflung und Hilflosigkeit konkrete Gestalt annehmen. Gewiss, es handelt sich um eine alte Frau, Diabetikerin, aber doch keine „Greisin“, und ob sie mit einer „normalen“ Grippe auch so schlimm dran wäre, ist die Frage …
Ich frage mich seit einem Jahr jeden Tag, ob ich mit meinen Analysen und Einschätzungen dieser ganzen surrealen Situation nicht vielleicht komplett auf dem falschen Dampfer bin, und wenn ich auch jedes Mal zu der Antwort Nein gelange, so braucht es doch ein deutlich längeres und intensiveres Nachdenken an so einem Tag, wo am Telefon Tränen fließen und die Sprache versagt.

Ich hoffe, Herr Precht, auch Sie denken noch einmal lang und intensiv nach über diese epochale Merkwürdigkeit, deren Zeugen und teilnehmende Beobachter wir sind. Ich hoffe, Sie erweitern Ihre Sicht, nehmen die Positionen und Argumente zur Kenntnis, die Sie bislang ausgeblendet haben, und finden die Größe, sich und Ihr Bild von der Realität ein weiteres Mal zu korrigieren.

In der Hoffnung, Sie irgendwann wieder ungetrübt beneiden zu dürfen, grüßt recht herzlich
Marcus J. Ludwig

 

(1) https://www.youtube.com/watch?v=dbYfVuifHic

(2) z.B. https://www.youtube.com/watch?v=KheeZ67X2dA
https://www.youtube.com/watch?v=ejB9GRsIhNY
auch https://www.youtube.com/watch?v=cHHbBRdpFQ8

(3) Das ist in dieser Pauschalität ziemlicher Unfug – das Risiko durch eine Corona-Infektion zu versterben, variiert je nach Alter, Vorerkrankung, Zustand des Immunsystems, Behandlungsmethode um den Faktor 100.000. Ein Staat, der dessen ungeachtet alle Bürger zu Gefährdern erklärt und sie ihrer Rechte beraubt statt die Hochrisikogruppen zu schützen, handelt evident irrational.

(4) Von der Pflicht, Eine Betrachtung. Goldmann, München 2021

(5) Ich habe auch die Kapitel 2 bis 6 gelesen, Ehrenwort, aber im ersten treten halt Ihre „intellektuellen Entpflichtungen“ am eindrücklichsten zutage.

(6) Dazu, nebst weiteren Verweisen:
https://empore.blogzurueck-in-die-realitaet-2/

(7) https://www.heise.de/tp/features/Corona-Todesfaelle-Die-Maer-von-den-zehn-verlorenen-Lebensjahren-5060636.html
Zur Widerlegung der offiziell „erwünschten“ Übersterblichkeit:
https://multipolar-magazin.de/artikel/corona-todeszahlen-nicht-plausibel
Ein weiterer Beitrag, der Lust macht, erste Fragen an die eigene Leichtgläubigkeit zu stellen, findet sich hier: https://frankfurtzack.medium.com/warum-lockdowns-nicht-so-wirken-wie-gedacht-9a92c093d361

(8) Äußerst lesens- und bedenkenswert: Philipp Bagus, Antonio Sánchez-Bayón, Antonio Peña-Ramos: Covid-19 und die politische Ökonomie der Massenhysterie.
https://www.libinst.ch/publikationen/LI-Studie-Bagus-Massenhysterie.pdf

(9) Ich erlebe, wie Sie ganz offen Ihr Entsetzen über die Zustände in Ihrer Heimatstadt Solingen benennen können – wofür jeder andere (jeder, der irgendwie in der „rechten Ecke“ vermutet wird) mit den üblichen medialen Shitstorms und Skandalisierungen sanktioniert würde. Ihnen lässt man es nicht nur durchgehen, man nimmt es als Anregung auf und dankt für den Denkanstoß. Das ist ein Machtfaktor sondergleichen heutzutage.
Wenn Sie den gestressten Corona-Eltern so lapidar attestieren, dass die ihre Kinder wohl nicht im Griff haben, dann lacht Markus Lanz zustimmend. Wenn das ein dubioser AfD-Mensch gesagt hätte, wäre die empörte Rückfrage gekommen, was das denn heiße, „die Kinder im Griff haben“, ob man Kinder wieder abrichten und dressieren wolle, ob die auf Kommando zu parieren hätten, ob die Kinder des AfD-Menschen zuhause Uniform tragen müssten, und was für ein antiquiertes Menschenbild dieser Ewiggestrige denn eigentlich habe etc.
Es gibt heute Dinge, die können offenbar nur Sie sagen. Und deshalb müssen Sie sie sagen.

 

 

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© Marcus J. Ludwig 2021.
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