Mahnmal der Misere

Wer Augen hat zu sehen, wer Ohren hat zu hören, der sollte spätestens jetzt Angst bekommen vor unseren Regierenden. Wer sieht, wie macht- und mutlos Merkel und ihre Getreuen der Rückkehr der Taliban zusehen, wer hört, wie Maas und Konsorten eingestehen, dass sie „die Lage falsch eingeschätzt haben“, der muss mit einem Schlag erkennen, mit was für Schönwetter-Politikern, mit was für Luftschlossherrschern wir es seit Jahren zu tun haben. Tödliches Wunschdenken, blutig zerplatzende Seifenblasen, desaströser Gutmenschendilettantismus. 

„Wir haben die Lage falsch eingeschätzt“ – bin ich der Einzige, dem Kabul und Corona als Manifestationen derselben Grundgestörtheit erscheinen? In Afghanistan wird westliche Fantasy-Politik jetzt mit Realitäten konfrontiert, und allerorten ergreift ungläubiges Staunen die Enttäuschten, Bestürzung über das Zusammenklappen der Kartenhäuser, mit denen man all die Jahre so verträumt gespielt hatte. Heiko Maas‘ Augenbrauen bilden ein nie gesehenes Zerknirschungsdreieck, Marietta Slomka kämpft mit den Tränen, das Gestammel der Kanzlerin entledigt sich endgültig jeder Syntax. Alle waren so autogen beseelt all die Jahre, so frohen Mutes, dass sich mit exportierter Demokratie und Mädchenschulen und einer mit westlichen Werten ausgerüsteten Armee eine Weltgegend neu konstruieren ließe, und dann kommen ein paar bärtige Sandalenträger, staubige Wüstengeister mit Maschinenpistolen und unzerstörbaren heiligen Ideen unterm Turban und lösen die westlichen Träumchen auf wie ein Motivationsseminar in Filterblasenhausen. Und weder die afghanische Armee noch die Bevölkerung denkt auch nur daran, ihre Wahlurnen und ihre Mädchenschulen zu verteidigen gegen die Gotteskrieger. Wer konnte das erwarten?

Über die Dramen, die sich am Flughafen von Kabul abspielen, über erschütternde Schicksale, über menschliche Verzweiflung und westliche Schande will ich mich hier nicht auslassen. Die Bilder sprechen für sich.
Ich rede hier vom generellen Realitätsverlust inkompetenter Eliten, ich rede vom punktuellen Einbruch des unübersehbar, unübertünchbar, unüberlügbar Faktischen in eine viel zu lange schon künstlich und mit ungeheurem Aufwand stabilisierte Wahnwelt. Die Taliban kommen als gnadenlose Agenten einer Realität, von der sich westliche Politiker, allen voran die deutschen, entkoppeln, wo immer es geht. Und es geht ja fast immer irgendwie, es geht, solange die Realität sich zurückhält oder von willigen Helfern in den Medien zurückgehalten wird oder sich mit imaginärem Geld überhäufen und überdecken lässt.

In der Corona-Politik werden – „leider“ flüstert ein verbitterter Dämon in mir – keine Taliban kommen, um Politiker aus ihren Wunsch- und Wahnwelten auf den Boden der Wirklichkeit zurückzuholen. „Wir haben die Lage falsch eingeschätzt“ – diesen denkwürdigen Satz werden wir so schnell nicht wieder hören. Er fasst die mentale Misere unserer Zeit besser zusammen, als je eine Kommunikationsagentur „Nüchtern & Ehrlich“ sich das ausdenken könnte. Man sollte die Worte als Mahnmal aus monumentalen Betonlettern im Berliner Regierungsviertel aufstellen, zwischen Kanzleramt und Parlament, auf dem Karlsruher Schlossplatz am besten gleich auch, und vor allen Sendeanstalten des Staatsfunks.

 

 

 

 

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© Marcus J. Ludwig 2021.
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