Einengung der Konsenszone

Eine imagekorrigierende Improvisation über die Deutschen und die Tiere und – nicht zu vergessen natürlich – über Jan Böhmermann

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Nach meinem epochalen Corona-Smash-Hit „Die Schuld der Schafe“ hat sich die Leserschaft dieses Blogs von geschätzten 3 Millionen auf noch geschätztere 300 Millionen pro Tag vervielfacht. Es wird echt langsam zu voll hier. Ich musste in Spitzenzeiten schon zusätzliche Serverfarmen in Nordschweden anmieten. Das kostet richtig Schotter. Zudem mehren sich die Indizien, dass mein Ruhm vermehrt auch Querleser und Rohlinge auf die Seite gelockt hat, die die ganze Veranstaltung hier für politisch zurechenbar halten. Das geht so nicht weiter. Wenn man meinen Namen googelt – was man nicht tun sollte, wenn man, so wie ich, Inhaber dieses Namens ist – dann kommt als Vervollständigungsvorschlag allen Ernstes „AfD“. Was wohl darauf zurückzuführen sein wird, dass viele, die mich googeln, erst mal wissen wollen, ob ich zur AfD in irgendeiner Beziehung stehe. Okay, ich fänd es wesentlich bedenklicher, wenn als erster Vorschlag „SPD“ käme oder „Bundesverband der Kükenschredderer“. Aber mir würden schon noch ein paar andere und vielversprechendere Suchbegriffe einfallen, wenn ich etwas über mich erfahren wollte. Nun ja, man kann sich seine Suchbegriff-Eingeber nicht aussuchen.

Jedenfalls finde ich mich genötigt, zur Kolorierung meines geistig-moralischen Konterfeis ein paar Sätze zu bloggen, die das Publikum garantiert wieder auf eine kleine, kernige Elite von 300 Lesern pro Jahr reduzieren werden, Lesern, die es aushalten, nach oben und unten, nach vorwärts und rückwärts, nach rechts und links offen zu bleiben, Selber-Sucher, unerschrockene Feingeister, faustische Connaisseusen, die sich auch mal für eine viertel oder halbe Stunde in einen geländerlosen Bildschirmtext vertiefen können, ohne dauernd parallel zu checken, ob gerade auf TE oder taz ein Sack Buchstaben umfällt.

Sehr zupass kommt mir da, dass die Welt – zumindest die fleischfressende Welt – hier und da endlich mal wieder über was anderes als Corona redet, und da will ich natürlich kein Spielverderber sein, sondern laut und lärmig mitreden.

Ich hatte erwartet, dass auch unter denen, die im allgemeinen Corona-Irrsinn ihren Verstand zu behalten wussten, etliche sein würden, die beim Thema Tierleichenkonsum irgendwann den üblichen partiellen Geistesschwund offenbaren würden. Und ich wurde nicht enttäuscht. Leute wie Roland Tichy etwa oder Birgit Kelle, Josef Kraus oder Cora Stephan mögen ihre Meriten im Kampf gegen Grundrechtseinschränkungen und Gendergängelei haben – wenn es aber um die Rechte der Tiere und damit um den Verzicht auf Schnitzel, Ei, Käse, Leder und Wolle geht, zeigen sie sich so unzurechnungsfähig wie all die linken Corona-Hysteriker.

Die Rechten, die Konservativen, die Multipolaren, sagen wir einfach: die politisch und medial Alternativen haben in Sachen Corona deutlich mehr Realismus, mehr Gedankenklarheit und Besonnenheit, mehr Achtung auch vor dem Recht bewiesen als die linke und pseudolinke 90-Prozent-Mehrheit in Parlamenten und medialem Establishment. Aber auch die Rechten, vielleicht gerade die Rechten, sind gewohnt, bestimmte Haltungen, Meinungen, Einstellungen zwanghaft zusammenzudenken. In rechten Medien rührt man auffällig häufig den Veganer, öfter noch die Veganerin – meist karikiert als verwöhnte links-bourgeoise Tussi – in einen Topf mit der Windradlobby, den Klimareligiösen, den Gender-Aficionados, den Elektromobilisten, den No-Borders-No-Nations-Utopisten, den Woken. Sehr zu Unrecht, denn der Veganismus ist keine Ideologie, kein irrationales Eso-Gewölk, keine Glaubenssache, sondern stahlharte praktische Ethik, kristallklarer Konsequentialismus, entschlossenster Transfer von Erkenntnis in Tat und Lebensführung. Eine Frage von Geradlinigkeit, Recht und Ordnung. Verantwortungsethik. Sollten gerade die Rechten das nicht eigentlich sehr ernst nehmen?

Es gibt eine einzige Sache, hinsichtlich derer ich in fast 50 Jahren Lebenszeit, nach etwa 50.000 Seiten einschlägiger Lektüre und unter dem Eindruck 5 intensiver Liebesbeziehungen zu Tieren Sicherheit erlangt habe, nämlich: dass es falsch ist, Tiere zu essen und Tiere auszubeuten. Dass es also falsch ist, anders als vegan zu leben. Und dass niemand das Recht hat, das für sich persönlich anders zu sehen und sich für einen Allesfresser zu halten und nach Herzenslust anderer Lebewesen Grundrechte zu missachten.

Ein Rechter, der kein Veganer ist, ist einfach ein bornierter Spießbürger oder ein brutaler Herrenmensch. Naja, in den allermeisten Fällen ist der Rechte – genau wie der Linke – wohl einfach ein guter Verdränger. Aber wer Law and Order sagt, der muss auch Tofu and Falafel sagen.

Man muss allerdings auch sagen, dass es im Fall des Veganismus tatsächlich erstaunlich oft so ist, dass diese Lebensweise mit einem eher linken bis linksradikalen Lebensstil einhergeht. Das mag mit einer Grundhaltung zusammenhängen, in der Mitgefühl, Solidarität, Gerechtigkeit, Befreiung der Schwachen aus Knechtschaft und Ausbeutung von jeher leitmotivischen Charakter haben.

Es kann aber auch einfach nur eine folkloristische Vorliebe für einen bestimmten linken Style zur Ursache haben, also eher zu den Ausdrucksformen und Erkennungszeichen einer Subkultur, eines Milieus gehören. Man ist halt Veganer, so wie man auch Punkrock und Hardcore hört, Piercings und Palästinensertücher trägt und auf Demos gegen G20 und gegen den Staat und all so was protestiert.
Diese Verbindung ist aber keine zwingende, und sie ist auch eigentlich keine in sich stimmige. Es gäbe gute Gründe, den radikalen Tierberücksichtigungsansatz aus Quellen herzuleiten, die traditionell eher dem rechten Denken zugeordnet werden.

Das Einzige, was den Rechten und Schlechten zu dem Thema einfällt, ist aber für gewöhnlich eine Art von erweiterter christlicher Caritas. Und dass der Mensch Gottes Garten hegen soll, wobei „hegen“ so viel wie „bejagen“ heißt. Ach ja, und dass der Heilige Franziskus den Vögeln predigte, hat man auch irgendwo im Hinterkopf. Die Tiere gehören zur göttlichen Schöpfung, also muss man sie zumindest denkerisch irgendwie unterbringen in der Geschichte des blutrünstigen Gemetzels, der perversen Gaumengelüste, der ewigen Hölle auf Erden. Doch dieses Denken ging meist nicht sehr viel weiter als bis zu dem genialen Einfall mittelalterlicher Mönche, den Biber zum Fisch zu erklären, sodass man ihn als Freitags-Fastenmahlzeit reuelos genießen konnte. Und konservative Schöpfungsgedanken haben meines Wissens bisher keinen einzigen CDU-Menschen davon abgehalten, seinen Sonntagsbraten zu verputzen. Und ihn zuvor selbst zu schießen.

Der in wertkonservativen und verfassungstreuen Kreisen sehr geschätzte Hans-Georg Maaßen rechnet – wie ich neulich las – die Ablehnung „normaler“ Traditionen und Lebensstile wie Jagd und Fleischverzehr unter die „säkularen Erlösungsprogramme“ und wertet sie als Bedrohung bürgerlicher Freiheiten.

Ja, der Veganismus ist in der Tat ein Erlösungsprogramm, allerdings für die Tiere, und in der Tat ein sehr säkulares: Es will die Tiere nicht darauf vertrösten, dass ihnen in irgendeinem Himmel dereinst ihre Qualen gelohnt und vergolten werden, es will sie schon heute, im Diesseits vor den unnennbaren Leiden bewahren, die Menschen wie Herr Maaßen ihnen anzutun für richtig halten, da die Schmerzen der Schweine offenbar zum traditionellen Lebensstil seiner thüringischen Wahlbürger gehören, welche für ihre Bratwurstaffinität ja weithin bekannt sind. Ich glaube, jeder, der in Eisenach oder Weimar in seine Bratwurst beißt und dabei einmal kurz die Augen schließt, um sich die Bilder von Tiertransporten und Schlachthöfen zu vergegenwärtigen – und erzähle mir bitte niemand, dass er diese Bilder nicht kennte und jederzeit in sich aufrufen könnte – der weiß sofort, dass es falsch ist, dieses Endprodukt sinnlosen Lebens und Leidens und Sterbens zu essen. Man muss kein Arthur Schopenhauer und kein Albert Schweitzer sein, um zu wissen, dass es falsch ist. Traditionell falsch.*

Aber die Sache erklärt sich wahrscheinlich noch viel einfacher: Maaßen und Tichy und ihresgleichen lehnen in erster Linie die quasireligiöse Klimaideologie ab, und da die Gretaanbeter auch den Fleischkonsum für klimaschädlich halten und daher reduzieren wollen, wehren sich die Wurstfreunde noch vehementer als sie es schon aus Konsumtrotz und Gaumengewohnheit tun würden.

Ich weiß nicht, ob die FFF-Klimakinder alle Veganer sind, es ist mir auch einigermaßen egal. Mir geht es darum, dass das Klimaargument nicht zum engeren Kreis der Argumente für den Veganismus zählt. Ob die Rinder durch ihre Methanblähungen mehr klimaschädliches Gas emittieren als der Auto- und Flugverkehr, mag so sein oder auch nicht. Meine Position zum Klimawandel ist höchst vorläufig. Als Bewohner eines Dachgeschosses spüre ich ihn sehr deutlich am eigenen Leibe. Und dass die Menschheit, die sich seit meinen Kindertagen verdoppelt hat und fünfmal mehr Autos mit Verbrennungsmotoren betreibt, daran kausal beteiligt ist, scheint mir nicht sonderlich abwegig. Aber egal. Die Rechten sollen von mir aus den Klimawandel bestreiten und gegen seine menschliche Verursachung argumentieren, so viel sie wollen, ich bin jeder Diskussion zugänglich. Nur würden sie auch dann, wenn sie ihre Position hundertpro beweisen könnten, sich dadurch nicht die Lizenz zum milliardenfachen Tiermord herbeiargumentieren.

Es geht hier nicht um steigende Meeresspiegel und um die Rechte zukünftiger Generationen, es geht um heutige Tiere, fühlende Individuen, die das Allerentsetzlichste erleiden müssen, weil engstirnige und engherzige Menschen nicht von ihren Gewohnheiten lassen können. Nichts davon hat mit Natur und Natürlichkeit zu tun. Natürliche Menschen wären in Ewigkeit nicht auf die Idee gekommen, tierverarbeitende Industrien zu ersinnen, Todesfabriken, Schlachthallen und Halsschnittautomaten. Kühlkettenmanagement, Masthühnerbesatzdichten, Betäubungstechnologien, Hybridkreuzungen, Bolzenschussapparate, Bauchorgan-Entnahmeeinrichtungen, Separatorenfleischverarbeitungsmaschinen, Brühtunnel, hydraulische Rollenthäuter, diskontinuierliche Enthaarungsanlagen, „Frischezentren“ und Kochshows am Nachmittag. Dazu brauchte es hochentwickelte, denaturierte, degenerierte Menschen wie die heutigen.

Die Literatur zur Begründung der Tierrechte ist zu umfangreich, um sie hier auch nur ansatzweise zu referieren. Jeder, der an Recht und Ethik und widerspruchsfreier Lebensführung interessiert ist, muss sie studieren und dann sein Leben ändern. Oder all die Scheußlichkeiten, die er qua Konsumverhalten den Tieren zufügen lässt, auch für die Ausbeutung und Tötung von Menschen als rechtmäßig erklären. Jedenfalls bitte vor allem einmal gründlich nachdenken, ja? Die gedankenlosen Argumente vom angeblichen Allesfresser-Gebiss über die Würde der Eskimos und Mongolen bis hin zum Proteinmangel sind so albern und intellektuell unwürdig, dass man sich nur wundern kann, wie Leute, die ansonsten Wert auf eine intelligente Erscheinung legen, sich damit in die Öffentlichkeit trauen können.

Man sollte eigentlich gerade von den Deutschen – und bei den Rechten darf man doch wohl eine gewisse Intimität mit der „Deutschheit als geistiger Lebensform“ voraussetzen – gerade von den Deutschen also sollte man erwarten können, dass sie instinktiv zurückschrecken vor dem Frevel, vor dem Ungeheuerlichen, das darin liegt, ein Tier zu töten, unter Qualen zu töten, unter Quieken und Brüllen zu entwürdigen und die Welt in ein tägliches Blutbad der Schande zu tauchen.

Die Angelsachsen haben mit Benthams Utilitarismus und Peter Singers Tierrechts-Philosophie die entscheidenden Vernunft-Impulse für den heute sich langsam abzeichnenden Bewusstseinswandel geliefert. Die Deutschen müssten längst in den Tiefenschichten ihrer Seele darauf gewartet haben. Die romantische deutsche Gemütsverfassung verträgt sich nicht mit Massentierhaltung und Legebatterien. Wer, wenn nicht die Deutschen, deren entschlummernde Kinderseelen allesamt mit den Grimmschen Märchen gepäppelt, imprägniert und geimpft worden sind, deren Träume von sprechenden Tieren bevölkert sind, die den unauslöschlichen Kinderglauben in sich tragen, dass die Tiere eine Seele haben, dass die dunklen Wälder belebt sind von Charakteren, die dem menschlichen so sehr gleichen, dass alle Schwierigkeiten und Schönheiten der Conditio Humana sich darin spiegeln – wer also, wenn nicht dieses Volk, wäre berufen, mitzufühlen, mitzuweinen, herzlich und bitterlich zu leiden an der Schändung der Kreatur, die eine Schändung auch des Menschen, des romantischen und also des deutschen Menschen ist, und alles, was den märchenhaften Geschwistern in Pelz und Federkleid angetan wird, mit Zorn und Eifer zu bekämpfen?

Ich sah vor einiger Zeit einen SPD-Menschen, der angesichts von Tierrechten und Vegetarismus von „Romantik 4.0“ sprach, was zweifellos als Spott und Ridikülisierung gemeint war. Ich hätte da als Interviewer mal nachgefragt, was seiner Ansicht nach denn Romantik 2.0 und 3.0 gewesen seien. Immer unterstellt, dass er überhaupt gewusst hätte, was und wann die erste Romantik war.
Häufiger wird in letzter Zeit von den Werten der Aufklärung geredet. Rationalität, Emanzipation, Nachvollziehbarkeit, reflexive Vernunft, Realitätsorientierung, offene Debatte, kritische Öffentlichkeit, Mündigkeit, „Habe Mut, dich deines Verstandes zu bedienen“, etc. Schön und gut. Aber zu wenig. Was den betreffenden Politikern und Medienmenschen offenbar aus dem Blick geraten ist, ist die Tatsache, dass es nach der Aufklärung noch einige andere geistige Strömungen gab, denen wir Heutigen die Prägung unseres Innenlebens mindestens ebenso sehr verdanken, eben zum Beispiel die Romantik. Hat je ein Politiker öffentlich die Werte der Romantik beschworen? Nicht, dass ich wüsste.
Die Romantik war eine sehr berechtigte Gegenbewegung zum Rationalismus der Aufklärung, und man kann durchaus der gutbegründeten Auffassung sein, dass alle späteren geistig-kulturellen Strömungen zeitlich angepasste Wiederholungen dieser beiden Tendenzen waren. Und sind.

Wenn SPD-Leute – oder auch CDU- und sonstige Leute – sich über den „Romantiker 4.0“ lustig machen, soll das wohl heißen: Ach, du Naivchen, Träumerle und Flausenkopf, phantasier du nur weiter von Tieren, von der Liebe und der Schönheit der Welt, während wir aufgeklärten, realistischen, rationalen Politprofis an den harten Verhandlungstischen des Lebens oder in den Hinterzimmern der Macht bei Zigarren und klaren Getränken die Geschicke des Landes in die Hand nehmen, wir Macher und Männer, wir Manager und Menschenkenner, wir Entscheider und Empfindsamkeitsvermeider.

Ich bin sicher, es ist völlig egal, ob man sich dabei SPD-Fritzen wie Weil oder Heil vorstellt oder einen Herrn Söder, einen Herrn Chrupalla, Lambsdorff, Kubicki, Maaßen, Laschet, Brandner, Notz, Kretschmann, Ramelow. Oder irgendeine Frau. Sie werden jede Zumutung von Romantik barsch abweisen, als das bestenfalls Lächerliche und Indiskutable, vor allem aber als das Gefährliche und Gegenpolitische schlechthin. 

Mit Aufklärung allein lässt sich gerade mal eine Akademie oder ein Gericht betreiben. Oder eine Zeitungsredaktion oder eine Besserungsanstalt. Mit Aufklärung kann man die Menschen zivilisieren und davon abhalten, Dummheiten zu begehen. Die Romantik will aber, dass die Menschen Dummheiten begehen. Sie will sie mit ihren „Dummheiten“, d. h. mit ihren Dunkelheiten und Unbewusstheiten in produktive Fühlung bringen. Auf dass das Leben mehr sei als ein konstruiertes Regelwerk, mehr als das Ergebnis einer Verhandlung und Exekution eines Urteils. Mehr als Deal und Arrangement. – Man sollte statt über Frauenquoten ruhig auch mal über Psychoanalytikerquoten in Parlamenten und Führungsetagen nachdenken. Oder Wagnerianerquoten.** Quoten jedenfalls von Leuten, die sich mit der Nachthälfte des Menschen ein bisschen auskennen. Aber das wäre ja fast schon Romantik 5.0, und das führt jetzt eindeutig zu weit, mehr dazu bald an anderer Stelle …

Die Durchsetzung von Tierrechten und die Forderung nach Beförderung der veganen Lebensweise ist jedenfalls ein romantisches ebenso wie ein genuin aufklärerisches Projekt. Die Befreiung all derer, die ethisch in Betracht kommen, die konsequente Weiterentwicklung des Rechts, die Überwindung der Schizophrenie im Umgang mit Haustieren/Nutztieren, Gefährten/Produkten, die Etablierung der intakten und geordneten Welt, all das geht notwendig einher mit der Errichtung der Zoopolis. Also dem Typ von Gemeinwesen, der die Tiere als Mitglieder der Gemeinschaft achtet. Nicht als „gleichberechtigte“ Mitglieder natürlich, es ist sinnlos, einem Tier das Wahlrecht zuzusprechen, aber als Träger unveräußerlicher Grundrechte.

Eigentlich müsste so etwas ein Projekt der Grünen sein. Aber die Ambitionen dieser Luschenpartei gehen bekanntlich nicht über halbherzige Veggiedays und „Bio“-Eier hinaus. Was ich möchte, das ist das „grüne Abendland“. Ich möchte die Nation und die Zoopolis. Ich möchte Deutschland als Natur- und Kulturnation im friedlichen, fruchtbaren Verbund mit seinen natürlichen Verwandten. Ich möchte ein kontinentales Habitat von historischer Tiefe und intakte Lebenswelten für alle fühlenden Wesen. Ich möchte die Herrschaft des Rechts, eines Rechts, das in Einklang steht mit Güte und Mitgefühl und den guten Traditionen europäischer Schönheit. Ich möchte den malignen Moralismus, den Konstruktivismus und den Konsumismus überwunden sehen. Ich möchte unter europäischen Menschen leben, unter aufgeklärten, romantischen, realistischen, lebens- und weltbürgerlichen Menschen, die aus dem reichen, dem überreichen Erbe, aus den materiellen und geistigen Schätzen, die noch immer glänzen und strahlen bis in alle Winkel dieses gesegneten Kontinents, endlich die Kultur errichten, die so naheliegend wäre.


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Und wo ich gerade mal dabei bin, mich von einigen Ansichten im irgendwie halb-neurechten, liberal-konservativen Milieu zu distanzieren, jenem – Zitat: „hypertonisch-patriarchalisch-ewiggestrigen Lodenmantel-Stammtisch, wo man Veganer, Windräder, Elektroautos, Klimaaktivisten, Genderprofessorinnen, GEZ-Gebühren, Claudia Roth und Jan Böhmermann in Bausch und Bogen verteufelt“ – da ich also, wie eingangs angetextet, dabei bin, mich medial massiv zu verkleinern, bekenne ich jetzt ohne Not und Zwang, ganz aus freien Stücken und ohne Waffe im Rücken: Jan Böhmermann ist super!

Ja, man müsste den eigentlich hassen, weil er so ein „linksgrün-vollversiffter“ Systemclown ist. Satire auf Staatskosten, Spott und Hetze gegen die, die einen mit ihren Gebühren finanzieren, und dazu immer dieses herzlose Sachsen- und Saarland-Bashing – das ist natürlich voll das Letzte.

Aber wenn man auf der Trennung von Kunstkritik und Moralkritik besteht – und das sollte man, und zwar besonders da, wo einem die Moral so gar nicht passt – dann muss man diese Kernbedingung des systemtheoretischen Ethos auch für einen unausstehlichen Obererzieher wie Böhmermann gelten lassen. Und ehrlich gesagt: Mir ist in der Regel egal, dass der Typ so ein selbstzweifelfreies Sackgesicht ist, denn in erster Linie ist er ein großer Könner.*** Und ich mag Leute, die was können. Und mich nerven eher Leute, die nix können, außer mit preiswerten Ansichten doof in der Gegend rumzuhassen oder rumzublödeln.

Ich glaube, Leute, die Böhmermann hassen, finden statt seiner den Matthias Richling gut und den Volker Pispers, und auch den Dieter Nuhr finden sie gut und diese Lisa Eckhardt oder wie die heißt. Ist mir grad echt zu anstrengend, zu jedem von denen was Schlaues oder zumindest Böses zu sagen, deshalb sag ich nur: Pffff, tja Gottchen, die sind irgendwie mehr so … mehr so geht so, oder? Die mögen wohl mehr nachgedacht haben und vielleicht ausgewogenere Ansichten haben als der Bremer Spassmusikant, sie mögen politisch nicht so eindeutig zu verorten und damit unabhängiger sein, aber als alter Hardcore-Horazianer verlange ich einfach das volle Programm: prodesse et delectare. Und wenn ich nur das halbe Programm kriegen kann, dann will ich lieber delektiert werden. So.

Delektieren aber tut mich der Böhmi denn doch wesentlich mehr als die genannten Großmeister der kabarettistischen Kleinkunst. Vor allem aber mehr als all die Kleinmeister des deutschen Moralismus. Böhmermann ist ja – nur mal so verglichen mit seinen Gutmenschen-Buddies Joko und Klaas, die nun wirklich nichts können außer Nahtodentertainment – ein musikparodistisch unglaublich talentierter, fast begnadeter Teufelskerl, und als funkensprühender Investigativ-Satiriker lässt er alles, was sonst in dieser Sparte im TV angeboten wird, weit weit hinter sich. Ich weiß nicht, was von dem ganzen Kram, den er in seinen Sendungen darbietet, aus seiner Feder stammt und was sein Autorenteam ihm schreibt, aber seine vom Schreibtisch aus abgefackelten, übermütig-polyvalent bebilderten Spoken-Word-Feuerwerke über die kriminelle Klatschpresse, über Hartz IV oder das dubaianische Influencer-Unwesen etwa sind einfach meisterhafte Performances eines kritisch-humoristischen Essay-Formats, das es außer bei ihm eigentlich gar nicht gibt.

Dummerweise ist seine Grundgesinnung so linear und konformistisch, wie sie halt wohl sein muss, wenn man im ZDF reüssieren will. Aber ich geb die Hoffnung nicht auf. Vielleicht liest er ja mal ein paar Bücher, denkt ein bisschen nach und kommt darob irgendwann mal zur Vernunft.
Ein Könner von dieser Qualität, der dann auch noch genug Urteilskraft und Eigensinn in der Birne hätte, um sich über Discountdichter wie Danger Dan und intellektuelle Billigflieger wie Igor Levit lustig zu machen – der wäre wirklich ein Gewinn für das geistige Klima der Gegenwart. Bislang ist er nur gut zum Lachen. Aber immerhin.

So. Und jetzt ruf ich oben in Luleå an, dass die ein paar Server abschalten können.

* Bevor man mir empörte Briefe aus Eisenach oder Weimar schreibt: Ich liebe Eisenach und Weimar aufrichtig, ich mag die Menschen dort, zumindest die, die ich kennengelernt habe, ich mag sogar den Bratwurstgeruch (der meiner Erinnerung nach in Eisenach noch ein wenig intensiver ist als in Weimar), und ich hätte gewiss statt der Schlemmer von Eisenach und Weimar auch die Karnivoren in Eichstätt und Westerland ansprechen können … aber die Assoziationen gehen so ihre eigenen Wege, und man muss sie hin und wieder einfach mal gehen lassen, auch um den Preis einer umständlichen Fußnote.

Und für alle, die doch gerade irgendwie keine inneren Bilder zur Bratwurstentwöhnung in sich auffinden können – hier sind welche: https://vimeo.com/489187615


** Angeblich haben wir ja sogar eine Wagnerianerin im Kanzleramt … ich mein, ich sinne nicht allzu viel nach über Angela Merkels Innenleben, aber was in ihr vorgeht, wenn sie in Bayreuth sitzt und den Tristan oder den Parsifal hört, das würde ich wirklich gern mal erfahren. Meine Phantasie reicht nicht hin, um mir mehr als Pommersche Kartoffelsuppe vorzustellen.


*** Ob man „Sackgesicht“ sagen darf? Ob das von der Kunstfreiheit gedeckt ist? Keine Ahnung. Ich müsste vielleicht mal meine Anwälte fragen, aber die arbeiten gerade alle für Danger Dan, der – so munkelt man – wohl wieder ein unglaublich provokatives Stück Gänsehaut-Musik in Arbeit hat, mit dem er aber nun wirklich und endgültig in die Geschichte des deutschen Widerstands eingehen wird. In Berlin plant man – so höre ich – bereits eine Kolossalstatue des Herrn Dan, in Stil und Ausmaßen so ungefähr wie dieser Marx-Kopf in Chemnitz, aber natürlich zusätzlich mit Körper unten dran. Vielleicht wird aber auch nur die Quadriga auf dem Brandenburger Tor ersetzt durch eine zeitgemäße Vierer-Formation bestehend aus Herrn Dan, Igor Levit, Böhmi, und als Vierten … wen nehmen wir denn da? … eine Frau am besten, eine nicht weiße, nicht als Frau geborene, nicht behinderungslose, nicht migrationsdefizitäre, vor allem nicht rechte Frau mit irgendwelchen Achtsamkeitssuperkräften … na, die finden schon wen in Berlin. Wagenlenker wird H.P. Baxxter. Einfach so, ganz ohne Hypergedanken. Weil ich den mag.

Aber zurück zum Sackgesicht: Ich erinnere mich, dass die charmante Charlotte Roche mal den Richard David Precht ein „altes Sackgesicht“ genannt hat. Im Beisein übrigens von dem Herrn Böhmermann. Welcher, so weit meine Erinnerung reicht, nur gegrinst und gekichert hat dazu. Bestimmt aber hat er sich nicht darüber empört. Und wenn ich mich außerdem recht entsinne, hat Böhmi selbst irgendeinen untadeligen Despoten mal einen „Ziegenficker“ genannt, was ich persönlich deutlich derber finde als „Sackgesicht“. Aber die Empfindlichkeiten sind, wie so vieles im Leben, ungleich verteilt, und vielleicht nimmt sich der Bremer Pol1z1stens0hn meine drollige Beleidigung doch mehr zu Herzen als ich es mir gerade vorstellen kann, und dann leiht er sich am Ende von Danger Dan meine Anwälte aus und hetzt sie gegen mich und leiert mir die letzten Notgroschen aus meiner schon arg geleerten Schmerzensgeldkasse. Mein Gott, ich kann es wirklich nicht abschätzen. Ein gefährliches Spiel, das ich da spiele … aber: Spiel und Schmerz sind mein Beruf … „ein Beruf, ein Beruf, den der Teufel schuf …“

 

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© Marcus J. Ludwig 2021.
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