Die Höllenpartei und das Lehrerzimmer

Der Pädagoge Heino Bosselmann warf kürzlich in einem lesenswerten Beitrag* die Frage auf, warum die Lehrer eigentlich kaum konservativ, kaum rechts wählen, obwohl man das doch angesichts der desolaten Lage in den Schulen irgendwie erwarten würde. In der Tat sollte man meinen, dass all die geschundenen, zum Scheitern verordneten Erziehungspraktiker sich mehr Law-and-Order wünschen müssten, mehr handfeste Möglichkeiten vor allem, sich mit disziplinarischen Instrumenten gegen ihre zunehmend unbeschulbaren Zöglinge zu wappnen. Mal ganz abgesehen von einer generellen geistig-moralischen Wende, einer kulturellen Rückbesinnung, einer Neuausrichtung von Bildungsinhalten und einer Revitalisierung von Rollenbildern, die den Lehrer und vor allem die Lehrerin wieder als Respektsperson, Charakterbildner, Inspiratorin etablieren würde. Aber nix da: Sie bleiben bei allem Frust weiter in ihrer linksgrünen Identitäts-Bubble, mit all den offensichtlichen Lebenslügen, sie bleiben dort bis zum Burnout, ohne mal auf die Idee zu kommen, die Katastrophe schonungslos zur Kenntnis zu nehmen, ihre Verursacher zu ermitteln (was nicht so wahnsinnig schwierig ist), nüchtern die Lösungsoptionen zu erwägen, und dann für praktische, also politische Abhilfe zu sorgen.

Klar, eventuelle revolutionäre Gelüste werden von Vater Staat (oder vielmehr von denen, die ihn managen) besänftigt durch auskömmliche Vergütung, durch großzügig geregelte Ferien- und Freizeitkontingente. Aber auch ohne sich persönlich groß zu exponieren und den Aufstand zu proben, könnten die Grundschulreferendarin und der Oberstudienrat doch ganz geheim ihr Kreuzchen bei der AfD machen. Machen sie aber eher selten, und am seltensten da, wo die Missstände am eklatantesten sind.

Die Lehrer, die ich kenne – es sind vor allem Lehrerinnen –, sind tatsächlich alle komplett gefrustet, desillusioniert, deprimiert. Sie verachten ihre Schüler (sie sagen nicht „Schüler“, sondern „Kroppzeug“, „Vollpfosten“ oder „Scheißblagen“), sie hassen die Eltern (sie sagen nicht „Eltern“, sondern „Assis“, „Arschgeigen“ oder „Pflegefälle“), und sie wünschen den lokalen Schulbehörden und der Landesregierung die Pest an den Hals. Aber sie wählen weiterhin genau die Parteien, die ihnen all das Elend einbrocken.

Warum?
Die Antwort ist relativ einfach, scheint mir:
Erstens, weil sie halt ein bisschen träge und denkfaul sind, und wohl auch einfach von der Grundausstattung her so nationalmasochistisch wie man sein muss, wenn man einem Staat die Treue gelobt hat, der sich selbst abzuschaffen bestrebt ist.

Zweitens, weil sie meinen, irgendwie noch ein paar Jahre so weiterwurschteln zu können, bis zur Frühpensionierung. Weil sie vielleicht sogar schon Schritte eingeleitet haben, sich so bald wie möglich kaputtschreiben zu lassen. Durchhalten bis 65? Wozu denn? Für welches höhere Ziel soll man sich derart weiter schinden, wenn man mit 50 schon hypertonisch und tablettenabhängig ist? Keine einzige mir bekannte Lehrkraft hat je auch nur im Ansatz eine Motivation verspürt, Kinder zu unterrichten, zu fördern, zu entfalten zum Zwecke der Fortdauer, gar der Blüte des deutschen Gemeinwesens, Mädchen und Jungen zu begeistern für Wissenswelten und kulturelle Kompetenzen im Interesse der Heimat, den Nachwuchs zu erziehen, zu ertüchtigen, zu bilden zur Sicherung der transgenerationellen Kontinuität der Gesellschaft. Es gibt für diese Lehrer keine Kontinuität und keine kommenden Generationen mehr. Sie sehen in ihre Klassen, und sie sehen, dass hier bald Schluss ist. Nach mir die Sintflut, lautet die Devise. Und „Deutschland“ interessiert sie eh nicht groß.

Drittens aber, und das scheint mir der Hauptpunkt zu sein: Sie sehen keine Alternative. Schon gar nicht in der Partei, die sie im Namen führt. Sie bekommen niemanden angeboten, den sie wählen könnten, sie sehen niemanden, mit dem sie sich identifizieren könnten. So banal ist das. Wenn sie sich dagegen ihre altbekannten Grünen angucken, ihre wohlvertrauten Sozis und Linken, dann sehen sie da lauter Leute, die genau so aussehen wie sie selbst, die auch so reden und durch ihren ganzen Habitus zu verstehen geben, dass sie das Milieu verkörpern, das sich mit dem Lehrerdasein und den Lehrernöten auskennt – wie irrig dieser Eindruck auch sein mag.

Annalena Baerbock und Janine Wissler und Lars Klingbeil sehen original aus wie die Kolleginnen im Lehrerzimmer. Sähen sie aus wie AfD-Nazi-Bitches, hätten sie weder im Lehrerzimmer noch auf dem Wahlzettel eine Chance. Da könnten sie noch so wellnesspädagogisch daherreden und sich Gute-Kita-, Grüne-Gymmie- oder Liebe-Schüli-Gesetze ausdenken.

Aber sehen die AfD-Leute denn aus wie Nazi-Bitches? Objektiv betrachtet wohl eher nicht. Auffallen würden sie im Lehrerzimmer dennoch irgendwie, als atmosphärische Störquellen halt. Alice Weidel und Beatrix von Storch und Björn Höcke sehen einfach nicht aus wie die Caro (Klassenlehrerin der Eichhörnchenklasse) oder wie der Grischa (Projektkoordinator „Glatzenklatschen in der Mittelstufe“), und sie reden auch nicht in deren Jargon. Dabei ist Höcke ja sogar Lehrer. Das können viele übrigens gar nicht glauben. Was? Der ist Oberstudienrat für Geschichte? Man hält ihn im Allgemeinen eher für einen entlaufenen Möbelverkäufer oder einen windigen Versicherungsheini, und durch so einen fühlt der gemeine Lehrer, dünkelhaft wie er ist, sich nicht angemessen repräsentiert. Und die Lehrerin erst recht nicht.

Die AfD hat niemanden, der den potenziellen Wählern unter den Pädagogen den Eindruck vermitteln würde, er sei aus ihrem Lehrerzimmer in den Bundestag gezogen, um dort nun ihre Interessen zu vertreten. Selbst der höchst achtbare Götz Frömming, ein besonnener, gesitteter, gutaussehender Lehrer, dem die Herzen der Kolleginnen nur so zufliegen müssten, sieht im Bundestag nicht aus wie ein Lehrer, sondern wie ein Banker.

Ich fühl mich eigentlich nicht zuständig für Outfit-Beratung, deshalb werde ich jetzt hier keine konkreten Klamottentipps abgeben. Aber, ey Leute, es kann doch nicht so schwierig sein. Man kann doch nicht so marketingfern und weltfremd sein, dass man nicht auf Ideen kommen könnte, wie man für die umworbene Klientel zumindest hier und da mal ein bisschen so aussehen könnte wie ein Repräsentant dieser Klientel.
Die AfD-Leute sehen alle aus wie Sparkasse, wie mittleres Management. Und die paar Frauen, die es da gibt, sehen auch nicht aus wie Pädagoginnen, sondern wie … keine Ahnung … wie mittlere Volksbank-Managerinnen oder so. Da muss erscheinungsbildlich, gehabens- und gebarenstechnisch definitiv mehr Diversität rein. Es muss ja nicht die ganze AfD-Fraktion im Alnatura-Style im Reichstag erscheinen, aber wer Lehrerstimmen will, der muss Lehrer schon irgendwie in Stimmung bringen.

Etwas schwieriger wird dagegen die Frage zu beantworten sein, wie die Linken und die Grünen es hinkriegen könnten, Leute wie mich, solche herzenslinken und gewissensgrünen Lehrerversteher, solche Tierschützer, Antifaschisten, Naturliebhaber, Gerechtigkeitsfanatiker, Konsumverächter, Bioverfechter, Arbeiterkinder, Fahrradfahrer, Kirchenkritiker, kurz: solche linksgrün versifften Typen jemals wieder dazu zu bewegen, linken und grünen Politikern ihre Stimme zu geben. Hier wird mit neuen Klamotten und Marketing wahrscheinlich nicht mehr viel auszurichten sein. Sondern nur mit gründlicher, tiefer Psychoanalyse, mit AI(„Anonyme Ideologen“)-Stuhlkreisen, Aussteigerprogrammen und der einen oder anderen Hirntransplantation. Aber damit befassen wir uns das nächste Mal …

 

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